Integrationsgeschichten

Mari - Der Weg von Syrien nach Remseck

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Mari lebt seit 4 Jahren in Remseck, sie ist 58 Jahre alt. Sie hat zwei Arbeitsstellen. Morgens um 5 Uhr fährt sie nach Ludwigsburg und richtet Tagungsräume her, ab 12 Uhr arbeitet sie in der Wilhelm Keil Schule in der Essensausgabe. 30 Jahre hat sie in Syrien im Ölministerium als Sekretärin gearbeitet und war dort eine geschätzte und beliebte Kollegin mit einem phänomenalen Gedächtnis.

Gerne hätte sie studiert. Sie hatte als Einzige in der Familie ein Abitur, und ihr Studium im Libanon Fachrichtung Wirtschaft schon begonnen. Aber der Krieg im Libanon machte ihrem Studientraum ein jähes Ende. Die Eltern hatten Angst um ihre Tochter und verboten ihr, weiter zu studieren. So begann sie ihre Arbeit im Ölministerium. Aber: wenn man selbst Kritik an der Regierung hat und dort arbeitet,  ist es nicht leicht. Deshalb ist sie froh, dass sie 2011 dort aufhören kann  und ihre politische Haltung nicht mehr verstecken muss.
Da auch für ihre Söhne die Situation sehr bedrohlich ist, beschließt die Familie  nach Deutschland zu gehen ...

Allein wäre  Mari der Entschluss zu fliehen schwerer gefallen. Sie liebt die Altstadt von Damaskus. Die engen Gassen, die alten Gebäude, den Souk, die frischen Früchte und Gemüse, die kleinen Läden. Die alltäglichen Gespräche mit der Schwester und den Nachbarn. Heimat eben. Aber da gibt es auch den täglichen Terror, die Panzer und Raketeneinschüsse. Eine Nachbarin, mit der sie jeden Tag spricht, wird  von Bombensplittern getroffen und schwer verletzt. “Da war plötzlich überall Blut“, sagt sie.
Eine Gemüsehändlerin, bei der sie eingekauft hat, wird von einem Scharfschützen erschossen. Bedrohlich ist auch die patrouillierende Geheimpolizei, die unter fadenscheinigen Vorwand Leute festnimmt, zum Verhör abholt oder ganz verschwinden lässt.  Die nach Wehrpflichtigen sucht. Das macht Angst. Deshalb machen sich Mari und Ihre Familie zu siebt auf den Weg. Die Flucht war, obwohl sie „nur“ 17 Tage dauerte, ein auch jetzt noch immer  gegenwärtiges, schreckliches Erlebnis. Nach der Flucht kam Mari über Passau, Deggendorf und Ellwangen schließlich nach Remseck.

Inzwischen wohnt Mari schon seit 4 Jahren in Remseck. Die Leute hier „sind sehr nett“, „schlecht hat niemand mit ihr gesprochen“. Inzwischen hat sie auch eine Einzimmerwohnung gefunden. Ein Architekt  hat sein Büro für sie umgebaut.

Was gefällt dir in der neuen Heimat?
Die Menschen, die Kolleginnen. „Kaffee und Tee“ und Rummykub, ein Spiel, bei dem sie eine gefürchtete Gegnerin ist. Sie macht gerne Ausflüge und kocht gerne und super gut! In den Sommerferien hilft sie gerne bei Mini-Remseck oder den Waldwochen. Auch heute hat Mari hat immer noch Alpträume vom Krieg und der Flucht: „ Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran zurückdenke“. Und das hindert sie auch daran, die neue Sprache schneller zu lernen. Sie versteht schon fast alles, lernt viel. Aber manchmal „blockiert mein Gehirn“ und es fällt ihr schwerer, Deutsch zu sprechen. Als wir sie nach einem Rat für die Geflüchteten fragen,  hat sie zwei wichtige Ratschläge parat:
1. Lernt unbedingt und als erstes Deutsch, so viel und so gut ihr könnt!  Wartet  nicht auf Aktionen des  Jobcenters! 
2. Nehmt die Dinge selbst in die Hand!

Sie möchte sich bei allen, die ihr so viel geholfen und sie unterstützt haben, bedanken. Sie ist sehr froh, dass sich ihre Lebenssituation so entwickelt hat. Ihre größten Wünsche sind, eine gute Gesundheit für ihre Familie und sie selbst wünscht sich einen guten, möglichst Vollzeitarbeitsplatz.


Ramtin - Elektroingenieur aus dem Iran


I: „Hallo Ramtin, könntest Du dich kurz vorstellen? “
R: „Ich bin Ramtin, 30 Jahre alt, verheiratet und lebe mit meinem dreijährigen Sohn und meiner Frau in Remseck am Neckar in Hochdorf. Wir sind anerkannte Flüchtlinge. Seit September 2018 mache ich eine Ausbildung zum Elektroniker für Geräte und Systeme. Die Ausbildung dauert 3,5 Jahre. “

I: „Du hast im Iran deine Ausbildung gemacht? “
R: „Ich habe im Iran Elektrotechnik mit Schwerpunkt Starkstromtechnologie studiert und bin Elektroingenieur. “

I: „Daher kennst Du Dich mit dem Fach sicher sehr gut aus? “
R: „Die Basis bzw. das Grundwissen von Elektronik und Elektrotechnik sind gleich. Deshalb fallen mir diese Sachen, vor allem in der Berufsschule sehr leicht.
Da ich die deutsche Sprache noch nicht ganz beherrsche, ist die Fachsprache aber schwer. Auch in Gemeinschaftskunde und Wirtschaftskunde fehlt mir Wissen. Die deutschsprachigen Azubis wissen natürlich über diese Fächer viel mehr. “

I: „Wie hast du deinen Ausbildungsplatz gefunden? “
R: „Ich habe sehr viele Bewerbungen geschrieben, und die Hoffnung, - trotz Absagen- nie aufgegeben. Es ist nicht einfach: Ich habe meine Zeugnisse und Abschlüsse anerkennen lassen. Ich darf als Elektroingenieur in Deutschland arbeiten. Mein Abschluss ist anerkannt. Aber die meisten deutschen Firmen bestehen auf deutschen Qualifikationen.
Und um ehrlich zu sein, sieht das Studium in Deutschland ganz anders aus. Die Studenten arbeiten mit moderneren Programmen und lernen viel mehr im Bereich Programmierung. Mir wurde deshalb empfohlen,  lieber noch einmal eine Ausbildung zu machen, weil mir viele Inhalte fehlten und vor allem wegen meinen „schlechten“ Fachdeutschkenntnissen.“

I: „Schlechtes Deutsch ist relativ. Du hast inzwischen deine C1  Prüfung abgelegt. Das ist der Zugang mit dem man ein Unistudium beginnen kann.“  
R: „Ja, ich habe meine C1 Prüfung an der Universität Stuttgart erfolgreich abgelegt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass ich noch nicht sehr gut Deutsch sprechen kann. Ich lerne hier vor allem in der Firma immer mehr Deutsch dazu. Ich spreche hier täglich 8 Stunden Deutsch. Das ist eine große Übung für mich.“

I: „Fiel es dir anfangs schwer deutsch zu sprechen? Hast du dich geschämt, war es unangenehm oder bist du damit offen  umgegangen?“
R: „Am Anfang habe ich es bevorzugt bei der Arbeit Englisch zu sprechen. Nachdem ich die deutsche Sprache gut beherrschte, war ich auch als Übersetzer tätig (im Heim und beim  Sozialamt). Damit konnte ich auch ein bisschen Geld verdienen. Seitdem spreche ich nur noch Deutsch.“

I: „Wie ist es jetzt für dich - nachdem du Elektroingenieur bist, wieder mit einer Ausbildung von ganz unten anzufangen? “
R: „Ich würde gerne weiter studieren. Aber wegen dem Druck vom Jobcenter, die mir dann empfohlen haben, ich könnte auch sofort – ungelernt - im Lager arbeiten, war die Entscheidung für eine Ausbildung die beste Entscheidung.“

I: „Ist die Arbeitsatmosphäre hier in Deutschland anders als im Iran? “
R: „Im Iran habe ich als Elektroingenieur gearbeitet. Meine Position war viel besser als in Deutschland, deswegen war es viel angenehmer. Natürlich auch deshalb, weil ich dort meine Muttersprache sprechen konnte. In Deutschland musste ich dann von 0 anfangen.
Aber:  In unserer Firma ist das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sehr gut. In Iran war das ganz anders, ich konnte mit meinen Chefs nicht frei reden. Auch als ich dort bei der Firma gearbeitet habe, konnte ich meine Chefs nie wirklich einschätzen es war immer ein gewisser Abstand da.“

I: „Und wie ist es mit der Ausbildung? “
R: „ Die Ausbildungsmöglichkeiten in Deutschland sind besser. Man kann sich bereits mit 16 Jahren für eine Richtung entscheiden und sich gezielt weiterbilden und seinen Berufsweg finden. In unserer Heimat geht das nicht, man kann keine Ausbildung direkt nach dem Abitur machen. Zwar hatten wir in der Universität eine Werkstatt, aber das Praktische hat immer gefehlt. Und die Möglichkeit Dual zu studieren gibt es dort auch nicht. Ich bin ein großer Fan vom Dualen Studium und ich hätte es mir auch sehr gewünscht.“

I: „Hast du noch mehr Familienmitglieder in Deutschland? “
R: „Meine Familie lebt im Iran. Ich habe noch eine Tante, die in Nordrhein-Westfalen (Bochum) lebt. Sie hat uns sehr geholfen, als wir nach Deutschland kamen. “

I: „Wie fühlst du dich? Willst du wieder in dein Heimatland zurück?“
R: „Nein, ich möchte gerne in Deutschland bleiben. Meine Familie und ich fühlen uns hier sehr wohl. Natürlich vermissen wir auch unsere Heimat und besonders unsere Familie. Aber: Wir leben hier. Unser Zuhause ist hier. “

I: „Gibt es etwas, was Du den anderen Flüchtlingen weitergeben kannst?“
R: „Lernt die deutsche Sprache. Ihr könnt nur so hier etwas erreichen! “
I: „Vielen DANK für das Interview Ramtin. “

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